2. Ächten wir den Krieg!

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Sprichwort aus Frankreich

  • Frieden macht reich, Krieg macht arm!

Heraklit: Krieg als Vater aller Dinge?

In heutiger Übersetzung lautet das Heraklit-Fragment4:

  • Krieg ist Vater von allen und König von allen. Die einen erweist er als Götter, die anderen als Menschen, die einen macht er zu Sklaven, die andern zu Freien.“
  • „von allen“ (panton) bedeutet „von allen Menschen“, nicht „von allen Dingen“.5 Heraklit schreibt also dem Krieg nicht die Kraft zu, den menschlichen Erfindungsgeist zu beflügeln, wie dies die Redeweise vom Krieg als dem Vater aller Dinge tut.
  • Die Versklavung der Besiegten (Kriegsgefangenen) war in der Antike üblich und akzeptiert. So spricht das Fragment vom Recht des Siegers. Sollten wir diesen Spruch – jedenfalls seit Ächtung der Sklaverei – nicht eher als eine sarkastische Ironie lesen?
  • Heraklit liebte es, seine Einsichten und Botschaften in Rätsel und Paradoxien zu kleiden. Ein harmoniebedürftiger Pazifist war er gewiss nicht. So tadelte er Homer scharf für dessen Ausruf: “Oh! könnte der Streit unter Menschen und Göttern verschwinden!“ (Ilias 18, 107): die seienden Dinge entstünden durch Streit, Homer wünsche sich also die Auflösung der Welt.6
  • Und weiter: „Man soll aber wissen, dass Krieg Gemeinsamkeit ist und Gerechtigkeit Streit 7 und dass alles geschieht durch Streit und Notwendigkeit.“8

Konfuzius (551 – 479 v. Chr.)

Im Bericht eines frühen chinesischen Chronisten über Konfuzius und seine Schüler, den Dag Hammarskjöld in einer Rede zitierte, lesen wir:

  • Ständig abgewiesen, aber niemals entmutigt, zogen sie von Staat zu Staat, halfen den Menschen, ihre Streitigkeiten beizulegen; rieten von mutwilligen Überfällen ab und traten für die Abschaffung aller Waffen ein, damit die Zeit, in der sie lebten, aus dem Zustand ununterbrochener Kriege gerettet werden möge. Um das zu erreichen, sprachen sie mit den Fürsten und hielten Vorträge vor dem Volk; bei niemandem hatten sie großen Erfolg, doch beharrlich blieben sie bei ihrer Aufgabe, bis Prinzen und Volk es überdrüssig wurden, ihnen zu zuhören. Unbeirrt fuhren sie mfort, die Menschen zu zwingen, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken.
  • Dag Hammarskjöld fand darin die Mission eines UN-Generalsekretärs und seiner Mitarbeiter treffend beschrieben.

Verächter des Krieges in Borneo

In einem Briefe vom 23. Oktober 1522 des Geheimschreibers Karl V. (1500-1558) an den Kardinal-Erzbischof Matthias Lang von Salzburg lesen wir:

  • Porne (Borneo) ist die bedeutsamste aller Inseln, die die Spanier besucht haben, weshalb ich die Sitten und Gesetze der Bewohner dieser Insel näher beschreiben will. Alle diese Insulaner sind Heiden, die Sonne und Mond anbeten. … Frömmigkeit und Gerechtigkeit gilt bei den Bewohnern dieser Gebiete viel. Besonders geschätzt wird von ihnen Friede und Ruhe. Sie sind Verächter des Krieges. Ihren König verehren sie wie einen Gott, namentlich, wenn sich seine Tätigkeit auf Erhaltung des Friedens richtet. …Wenn je einmal der König beschlossen hat, einen Krieg zu unternehmen, was übrigens selten vorkommt, dann wird er von seinen Untertanen in die erste Schlachtreihe gestellt, wo er den Anprall der Feinde aufhalten muss. Sie kämpfen dann erst mit Todesverachtung, wenn sie erfahren haben, dass ihr König gefallen ist. Denn nun beginnt für sie der Kampf um die Freiheit und um ihren neuen König. Nie hat es bei ihnen einen Herrscher gegeben, der nicht in einer von ihm begonnen Schlacht gefallen wäre. Deshalb hüten sich ihre Könige vor einem Krieg.
  • Vor allem halten sie es für Unrecht, ihren Landbesitz mit Gewalt zu vergrößern. Aus diesem Grunde geht ihre Hauptsorge dahin, einen Angriff auf einen anderen Stamm zu vermeiden. Werden sie aber angegriffen, dann setzen sie sich grimmig zur Wehr und suchen bald Frieden zu erlangen. Um Frieden zu bitten, gilt bei ihnen für ehrenvoll. Man verachtet es geradezu, wenn ein Gegner sich um Frieden bitten lässt. Schändlich und hassenswert ist es, wenn einer den Frieden verweigert, selbst in dem Falle, wo er der grundlos Überfallene ist.

Heute kennen die Ethnologen9 weltweit siebzig kleine Gruppen, die keinen Krieg führen, während die andern (rund siebentausend) unterschiedlichen menschlichen Gemeinschaften es tun. An den malaiischen Semai und den tansanischen Fipa zeigt Antweiler, wie sie Gewaltpotentiale in Friedensbereitschaft verwandeln. Die Semai tun dies durch andauerndes erschöpfendes Reden (Palaver); ist alles gesagt, hält der Häuptling eine bindende Friedensrede. Die Fipa waren im 19. Jahrhundert in eine Vielzahl von Konflikten vertrickt, bis sie bewusst ihre Strategie änderten und Normen der Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit entwickelten.

„Der Wert von Normen und Regeln scheint weltweit von zentraler Bedeutung für das Eindämmen der natürlichen Bereitschaft zur Aggression zu sein. Gruppenidentität leistet gute Dienste, eine Friedenserziehung tut überall not.“ – so Christoph Antweiler-Fn. 9.

Friedrich Nietzsche (1844-1900)

Nietzsche schreibt in: Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister. II, 2 (1880) Nr. 284 „Das Mittel zum wirklichen Frieden“:

  • Jede Regierung beschuldige den Nachbar der Eroberungsgelüste und nehme für sich das Recht der Notwehr in Anspruch; sofern sich dieser ebenfalls auf Notwehr berufe, stemple man ihn als Heuchler und listigen Verbrecher ab. Alle setzten die schlechte Gesinnung des Nachbar und die gute bei sich voraus. „Diese Voraussetzung ist aber eine Inhumanität, …ja, im Grunde ist sie schon die Aufforderung und Ursache zu Kriegen, weil sie dem Nachbar die Immoralität unterschiebt und dadurch die feindselige Gesinnung und Tat zu provozieren scheint.“
  • Man müsse der Lehre von dem Heer als einem Mittel der Notwehr ebenso gründlich abschwören als den Eroberungsgelüsten. Mehr noch: „Sich wehrlos machen, während man der Wehrhafteste war, aus einer Höhe der Empfindung heraus, — das ist das Mittel zum wirklichen Frieden, welcher immer auf einem Frieden der Gesinnung ruhen muss: während der sogenannte bewaffnete Friede, wie er jetzt in allen Ländern einhergeht, der Unfriede der Gesinnung ist, der sich und dem Nachbar nicht traut, und halb aus Hass, halb aus Furcht die Waffen nicht ablegt.
  • Lieber zugrunde gehen als hassen und fürchten, und zweimal lieber zugrunde gehen als sich hassen und fürchten machen, — dies muss einmal auch die oberste Maxime jeder einzelnen staatlichen Gesellschaft werden!“

Der (als Baseler Professor staatenlose) Nietzsche kannte Krieg aus eigener Erfahrung. Er nahm am deutsch-französischen Krieg 1870 als Sanitäter teil. Einmal hatte er drei Tage und Nächte hindurch während eines Transports in einem Güterwagen sechs Schwerverwundete zu betreuen, ohne abgelöst zu werden. Als er die ihm Anvertrauten in einem Lazarett abgeliefert hatte, bedurfte er selbst ärztlicher Betreuung.10

Bertha von Suttner (1843-1914)– Die Waffen nieder!

Leo Tolstoi (1828-1910), der Autor von Krieg und Frieden, gratulierte im Oktober 1891 Bertha von Suttner zu ihrem Roman „Die Waffen nieder!“ mit den Worten:

  • Der Abschaffung der Sklaverei war das berühmte Werk einer Frau, H. Beecher-Stowe, vorausgegangen. Gott möge es fügen, daß die Abschaffung des Krieges Ihrem Werk folge.
  • „Die Waffen nieder!“ wurde nach mehreren Ablehnungen Ende 1889 von Edgar Pierson, Verlagsbuchhändler in Dresden, in einer Auflage von 1000 Exemplaren publiziert und in kürzester Zeit ein Bestseller (37 Auflagen in Deutschland), in fast alle europäischen und anderen Weltsprachen übersetzt und 1913 sogar verfilmt. Der Film sollte den Weltfriedenskongress am 17. September 1914 in Wien eröffnen, zusammen mit einem gefilmten Interview, das Bertha von Suttner am 20. April 1914 gegeben hat. Sie starb am 21. Juni 1914 in Alter von 71 Jahren. Der Weltfriedenskongreß entfiel – es wäre der vierte gewesen in ihrer Zeit – nach London 1890, Luzern 1906 und München 1907.
  • Im Roman diskutiert die Ich-Erzählerin mit ihrem Vater, einem altösterreichischen General, über den Krieg.11

Seine Argumente:

  1. Kriege sind von Gott – dem Herrn der Heerscharen – selber eingesetzt, siehe die Heilige Schrift.
  2. Es hat immer welche gegeben, folglich wird es auch immer welche geben.
  3. Die Menschheit würde sich ohne diese gelegentliche Dezimierung zu stark vermehren.
  4. Dauernder Frieden erschlafft, verweichlicht, hat – wie stehendes Sumpfwasser – Fäulnis, nämlich den Verfall der Sitten, zur Folge.
  5. Zur Betätigung der Selbstaufopferung, des Heldenmuts, kurz zur Charakterstählung sind Kriege das beste Mittel.
  6. Die Menschen werden immer streiten, vollkommene Übereinstimmung in allen Ansprüchen ist unmöglich – verschiedene Interessen müssen stets aneinanderstoßen: folglich ewiger Friede ist ein Widersinn.

Sie entgegnet und erhält zur Antwort:

  • Wenn der Kriegskämpe zugeben muss, daß Friede menschenwürdiger, beglückender, kulturfördernder sei als Krieg, sagt er: Nun ja, ein Übel ist der Krieg schon, aber ein unvermeidliches (siehe 1 und 2). Zeigt man nun, dass und wie er vermieden werden könnte – durch Staatenbund, Schiedsgerichte und so weiter – so heißt es: Nun ja, vermeiden könnte man ihn schon, aber man soll es nicht (siehe 4 und 5). Jetzt wirft der Friedensanwalt diese Einwände um und weist nach, dass im Gegenteil der Krieg den Menschen verroht und entmenschlicht. – Nun ja, das schon, aber siehe 3. Auch dieses Argument wird umgestürzt, denn bekanntlich sorgt die Natur schon selber dafür, „dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen12. Zugegeben, aber 1. Man dreht sich im Kreis: der Krieg ist ein schreckliches Übel, aber er muss sein.- Er muss zwar nicht sein, aber er ist – als Vater aller Dinge – ein hohes Gut.

Albert Einstein (1879-1955) und Sigmund Freud (1856-1939) – ein Briefwechsel

Albert Einstein stellt Sigmund Freud in seinem offenen Brief vom 30. Juli 1932 die Frage – der Völkerbund hatte Intellektuellen zu solchen offenen Korrepondenzen aufgefordert:

  • „Gibt es einen Weg, die Menschen vom Verhängnis des Krieges zu befreien?“ Er sieht, was die Theorie angeht, kein großes Problem: Die Staaten könnten gemeinsam legislative und gerichtliche Instanzen schaffen und sich verpflichten, sämtliche Streitigkeiten durch diese schlichten oder entscheiden zu lassen und sich diesen Entscheidungen im Vorhinein unterwerfen. In der Praxis seien wir davon allerdings noch allzu weit entfernt.
  • Einstein fragt weiter: „Wie ist es möglich, dass die Minderheit der Herrschenden die Masse des Volkes ihren Gelüsten dienstbar machen kann, die durch einen Krieg nur zu leiden und zu verlieren hat?“ Mehr noch: „Wie ist es möglich, dass sich die Masse durch die von der Minderheit beherrschten Medien (Schule, Presse, meist auch religiöse Organisationen) bis zur Raserei und Selbstaufopferung entflammen lässt?“ – „Gibt es eine Möglichkeit, die psychische Entwicklung der Menschen so zu leiten, dass sie den Psychosen des Hasses und des Vernichtens gegenüber widerstandsfähig werden?“
  • Freuds Antwort lautet: „Den psychischen Einstellungen, die uns der Kulturprozess aufnötigt, widerspricht nun der Krieg in der grellsten Weise, darum müssen wir uns gegen ihn empören, wir vertragen ihn einfach nicht mehr, es ist nicht bloß eine intellektuelle und affektive Ablehnung, es ist bei uns Pazifisten eine konstitutionelle Intoleranz, eine Ideosynkrasie gleichsam in äußerster Vergrößerung. Und zwar scheint es, daß die ästhetischen Erniedrigungen des Krieges nicht viel weniger Anteil an unserer Auflehnung haben als seine Grausamkeiten.“
  • Zuvor tut Freud dar, wie aus dem Erbe aus Urzeiten, das in jedem von uns steckt, allzu leicht eine wahnhafte Kriegsbegeisterung der Massen erweckt werden kann. Er schließt seine Antwort an Albert Einstein so:
  • „Wie lange müssen wir nun warten, bis auch die anderen Pazifisten werden? Es ist nicht zu sagen, aber vielleicht ist es keine utopische Hoffnung, daß der Einfluß dieser beiden Momente, der kulturellen Einstellung und der berechtigten Angst vor den Wirkungen eines Zukunftkrieges dem Kriegsführen in absehbarer Zeit ein Ende setzen wird. Auf welchem Wege oder Umwege können wir nicht sagen. Alles was die Kulturentwickung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg.“
  • Freud beschreibt den Widersinn heutiger Kriege: „…daß ein zukünftiger Krieg infolge der Vervollkommnung der Zerstörungsmittel die Ausrottung eines oder vielleicht beider Gegner bedeuten würde. Das ist alles wahr und scheint so unbestreitbar, daß man sich nur verwundert, wenn das Kriegführen noch nicht durch allgemeine menschliche Übereinkunft verworfen worden ist. Man kann zwar über einzelne dieser Punkte diskutieren. Es ist fraglich, ob die Gemeinschaft nicht auch ein Recht auf das Leben des Einzelnen haben soll; man kann nicht alle Arten von Krieg gleichermaßen verdammen; solange es Reiche und Nationen gibt, die zur rücksichtslosen Vernichtung anderer bereit sind, müssen die anderen zum Krieg gerüstet sein.
  • Aber, so der abschließende Gedanke Freuds, wir empören uns gegen den Krieg, weil wir nicht anders können. Wir sind Pazifisten, weil wir es aus organischen Gründen sein müssen.“ Denn das Beste, was wir geworden sind, und ein gut Teil von dem, woran wir leiden, verdanken wir der Kulturentwicklung (Zivilisation), also der Domestikation unserer Triebe.

Smedley Butler (1881-1940) – To hell with war!

Generalmajor Smedley Butler war ein hochdekorierter Militär, „einer der wirklich großen Generäle der amerikanischen Geschichte“ (so General Douglas MacArthur). Nach ihm wurde die Militärbasis in Okinawa und 1941 der Zerstörer USS Butler (DD636) benannt.

1935 erschien sein Antikriegsbuch „Der Krieg ist ein Verbrechen“. Darin stellt er den Entbehrungen und Blutopfern der (amerikanischen) Soldaten im Ersten Weltkrieg die gigantischen Profite der Kriegsgewinnler in den USA gegenüber, die sie auf Kosten der öffentlichen Hand machen konnten.

  • „Wie viele dieser Kriegsmillionäre haben ein Gewehr getragen? Wie viele wussten, was es heißt, in einem von Ratten infizierten Schützengraben zu liegen und zu hungern? Wie viele von ihnen hatten furchtsame, schlaflose Nächte verbracht, Maschinengewehrkugeln ausweichend? Wie viele standen vor einem Bajonett des Feindes? Wie viele wurden verwundet oder getötet an der Front?“
  • Seine Beispiele: „Nehmen wir unsere Freunde, die du Ponts, die „PULVER“-Leute, haben sie nicht vor einem Senats-Komitee erklärt, dass deren Pulver den Krieg gewonnen hat? Oder die Welt für die Demokratie gerettet? Wie ist es ihnen im Krieg ergangen? Sie waren eine patriotische Gemeinschaft. Die Durchschnittsverdienste der du Ponts für die Zeit von 1910 bis 1914 betrugen $ 6.000.000 pro Jahr. Es war nicht viel. Aber den du Ponts ist es dabei gut gegangen. Deren durchschnittliche Gewinne in den Kriegsjahren 1914 – 1918 beliefen sich auf rd. $ 58.000.000 pro Jahr. Das war fast zehnmal so viel wie in normalen Zeiten, ein Zugewinn von 950 Prozent.
  • Es wurde von Statikern, Ökonomen und Forschern ausgerechnet, dass der Krieg Uncle Sam $ 52.000.000.000 gekostet hat. Aus dieser Summe wurden $ 39.000.000.000 für den Krieg verwendet. Diese Ausgaben erzeugten $ 16.000.000.000 Gewinn. So sind 21.000 Milliardäre und Millionäre daraus entstanden. An diesen $ 16.000.000.000 Profit kommt man nicht vorbei. Eine ordentliche Summe, die nur auf sehr wenige entfiel.“

Butlers Vorschlag zur Abhilfe: Bevor die Regierung die jungen Männer rekrutieren könne, müsse sie gezwungen sein, die Eigentümer und Manager der Industrie einzuberufen und sie für $ 30 im Monat wie die jungen Männer in Schützengräben arbeiten zu lassen.

Butler schließt: „Zur Hölle mit dem Krieg!

Mahatma Gandhi (1869-1948) an Adolf Hitler (1889-1945)

– ein Brief vom 23. Juli 1939, der – vom britischen Geheimdienst abgefangen – seinen Adressaten nie erreicht hat

 Gandhi-pre

Ja, ächten wir den Krieg!

  • Pazifismus ist beileibe nichts Neues. Schon Aristophanes führte männliches Heldentum und Krieg ad absurdum. Aber warum nehmen die Eliten ebenso wie die Vielen – ungeachtet der beiden Weltkriege – die so naheliegenden Parolen: Die Waffen nieder!, Nie wieder Krieg!, To hell with war! nicht ernst und halten sie für weltfremd?
  • Bürgerliche Wohlanständigkeit, Idealismus und rationales Denkvermögen allein sind, wir haben es erlebt, selbst in kulturell hochentwickelten Gemeinwesen kein wirksamer Schutzwall gegen kollektiven Rückfall in bösartigste Barbarei und unvorstellbare Verbrechen im Zeichen einer Heilslehre, sprich: Ideologie.
  • Krieg ist zu ächten, wie Sklaverei heutzutage geächtet ist, auch wenn sie immer noch nicht völlig ausgemerzt sein mag. Über Jahrtausende hinweg hielt die Menschheit sie für naturgegeben. Kultur und Fortschritt war ohne Sklaverei undenkbar. Heute ist sie nicht nur entbehrlich, sondern überholt. Sie ist ein Symptom der Rückständigkeit.
  • Der Krieg, das Kriegerische ist tief verwurzelt in uns. Und doch ist es Menschen möglich – und somit menschenmöglich – sich herauszuarbeiten aus den destruktiven Möglichkeiten des Überlebenskampfes. Haß, Aggression und Zerstörungslust lassen sich überwinden.
  • Seien wir da für andere. Als Einzelne und als Kollektiv! Setzen wir verstärkt auf vertrauensbildende Maßnahmen z. B. auf gegenseitige Hilfe bei Katastrophen aller Art, auf Joint Ventures beim Umweltschutz, bei der Erforschung des Weltraums und bei der Entwicklung weltweiter, menschenfreundlicher Kommunikation. Es geht ums Raumschiff Erde, um unser globales Dorf. Seien wir One-World-Patrioten!

Unveröffentlicher Leserbrief

In seinem Leitartikel in der SZ vom 19. Juli 2014 setzt Stefan Ulrich auf Abschreckung und verspricht sich weniger Gewalt von mehr Rüstung. Er glaubt nicht an die Möglichkeit Ewigen Friedens. Sobald irgendwo ein Machtvakuum entstünde, befördere dies Aggression. Wir seien wieder im Kalten Krieg mit seinen blutigen Stellvertreterkriegen. Die Deutschen genössen seit dem Zweiten Weltkrieg schon allzu lange eine Friedensdividende.

Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Zwar ist es mit gutem Willen allein nicht getan. Gegen Gewalt müssen sich die Friedfertigen wirkungsvoll, also mit eben solcher Gewalt, zur Wehr setzen können. Die Frage ist, wie wir Gewalt am wirkungsvollsten reduzieren und schließlich marginalisieren. Hat verschärfte Hochrüstung je Gutes bewirkt, wenn wir die Gewinne einschlägiger Konzerne einmal nicht als etwas Gutes ansehen? Besteht die Stärke des heutigen Europas nicht gerade in der Abkehr von einer auf militärischen Overkill setzenden Strategie? Sind nicht vertrauensbildende Maßnahmen die vielversprechendere Option? Angst, Rachegelüste und Haß werden eingedämmt und abgebaut durch gegenseitiges Kennenlernen, Respekt und Verständnis.

Die wirkungsvollste Art, Gewalt zu reduzieren ist nach meinem Dafürhalten der möglichst enge Zusammenschluss aller Friedfertigen. Entwickeln wir den nationalen Patriotismus weiter zu einem One-World-Patriotismus und ächten wir Krieg überhaupt, wie wir Sklaverei geächtet haben, die Jahrtausende lang als naturnotwendiger Bestandteil von Kultur gegolten hat. Lösen wir einzelstaatliche Militärgewalt ab durch überstaatliche Polizeigewalt und stärken wir weltweit supranationale Institutionen aller Art in ihrem Zusammenwirken mit den nationalen Einrichtungen nach dem Subsidiaritätsprinzip, also im Sinne eines effektiven und machtvollen föderativen Zusammenschlusses. Die Zeit mit ihren globalen Herausforderungen und Möglichkeiten ist reif dafür. Auf diesen Weg ist die Menschheit schon eingeschwenkt. Möge sie ihn entschlossen weitergehen und sich Schritt für Schritt herausarbeiten aus der Sackgasse geopolitischen Blockdenkens und der Falle des Freund/Feindbildes.

Prof. Dr. Richard Motsch, Krichweg 3, D-53123 Bonn

Leserbrief SZ 13./14. Mai 2015

Richard Motsch: Leserbrief


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