1. Homo humanus

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Zwei Sätze aus dem Talmud

  • Die Gerechten unter den Völkern der Welt haben einen Platz in der kommenden Welt – Chassid Umot ha-Olam –.
  • Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.

Die Holocaust-Erinnerungsstätte Yad Vashem in Israel verleiht seit 1953 nichtjüdische Personen, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens Juden vor der NS-Verfolgung gerettet haben, den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“. Er stammt aus dem ersten Satz.

Der zweite Satz ist in die zugehörige Medaille eingraviert.

Am 1. Januar 2014 waren es 25 271 Personen, denen diese Ehrung zuteil wurde. Darunter viele Polen, Niederländer, Franzosen, Ukrainer und Belgier, auch 553 Deutsche.

Am 20. Februar 1995 bekamen diese Auszeichnung Maria und Adolf Althof vom gleichnamigen Cirkus – dazu Ingeborg Prior: Der Clown und die Zirkusreiterin (München 1997) S. 225ff.

Immanuel Kant (1724-1804): Zum ewigen Frieden (1795)*

Kant behandelt im ersten Zusatz zu den Definitivartikeln: „Von der Garantie des ewigen Friedens“ die Frage: Inwiefern zwingt die Natur den Menschen zu vernünftigem Handeln, obwohl er frei ist, sich auch unvernünftig zu verhalten?1

  • In Hinblick auf die innerstaatliche Ordnung sieht Kant die Antwort in der Zwangsläufigkeit für intelligente Wesen, sich im wohlverstandenen Eigeninteresse so zu organisieren, dass sich die zerstörerischen, gegeneinander gerichteten Kräfte wechselseitig aufheben, „sodass der Erfolg für die Vernunft so ausfällt, als wenn beide gar nicht da wären, und so der Mensch, wenn gleich nicht ein moralisch-guter Mensch, dennoch ein guter Bürger zu sein gezwungen wird.“2
  • Kant schließt diesen Gedanken ab mit dem geflügelten, wohl auf die Französische Revolution anspielenden Wort: „Die Natur will unwiderstehlich, daß das Recht zuletzt die Obergewalt erhalte. Was man nun hier verabsäumt zu tun, das macht sich zuletzt von selbst, obzwar mit viel Ungemach.“

Antoine de Saint-Exupéry (1900-1944) sagt:

  • Mensch sein heißt Veranwortung fühlen: sich schämen beim Anblick von Not, auch wenn man offenbar keine Mitschuld an ihr hat; stolz sein über den Erfolg der Kameraden; seinen Stein beitragen im Bewußtsein, am Bau der Welt mitzuwirken

Être homme, c’est précisément être responsable. C’est connaître la honte en face d’une misère qui ne semblait pas dépendre de soi. C’est être fier d’une victoire que les camarades ont remportée. C’est sentir, en posant sa pierre, que l’on contribue à bâtir le monde.) Terre des hommes, éd. Le Livre de Poche, 1939, p. 59 – Übersetzung Henrik Becker

  • Für den Menschen gibt es nur eine Wahrheit, das ist die, die aus ihm einen Menschen macht.

La vérité pour l’homme, c’est ce qui fait de lui un homme.) Terre des hommes, oben p. 228

Franz Werfel (1890-1945) schreibt in seinem Roman „Das Lied der Bernadette“ (1941) über Sinn und Wahnsinn:

  • Der Glaube an das Göttliche ist nichts anderes als die wesensüberzeugte Anerkennung, dass die Welt einen Sinn habe, das heißt eine geistige Welt sei. Der Wahnsinn ist die vollkommenste Aberkennung dieses Sinns. Mehr als das – er ist die gleichnishafte Sinnlosigkeit der Schöpfung im Geschöpf. Wo die letzte Evidenz des Sinns in einer Seele wirklich fehlt – dies ist aber äußerst selten -, tritt der Wahnsinn in sein Recht. Daher kommt es, dass Zeiten, die den göttlichen Sinn des Universums leugnen, vom kollektiven Wahnsinn blutig geschlagen werden, mögen sie in ihrem Selbstbewußtsein sich auch noch so vernunftvoll und erleuchtet dünken.“
  • Noch kürzer fasst sich Josph Ratzinger: „Die Welt ohne Gott ist die Hölle“.

Albrecht Haushofers (1903- 1945): Moabiter Sonette

Albrecht Haushofer wurde nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 am 7. Dezember 1944 in Bayern verhaftet und im Zellengefängnis Lehrter Straße in Berlin-Moabit inhaftiert. Dort schrieb er in den wenigen Monaten bis zu seiner Ermordung in der Nacht zum 23. April 1945 80 formvollendete Sonette. Sie reflektieren sein Leben und sind sein politisches und spirituelles Vermächtnis.

Das Sonett LXXX trägt die Überschrift „Zeit“ und lautet:

Ich träumte viel bei Nacht und viel bei Tag.
Die Zeit ist ohne Wert. Ich kann vergessen,
der Stunde wie der Woche Gang zu messen,
wenn ich mich nicht auf sie besinnen mag.

Doch wittern auch die Träume wohl die Zeit. –

Erwach ich dann im Dienstgeklirr der Schlüssel,
vom Mittagsruf nach meiner Suppenschüssel,
und raffe mich zum Täglichen bereit:

Dann weiß ich, aus den Träumen aufgestört,

wie einer fühlt in seiner letzten Stunde,
der an ein ruderloses Boot gebunden,

den Fall des Niagara tosen hört.

Die Wasser schlagen an des Bootes Rand.
Sie strömem rasch. Gebunden – ist die Hand …

Haushofer wurde in einem Ehrengrab auf dem Kriegsgräberfriedhof Wilsnacker Straße beigesetzt. Eine Tafel an dessen Eingang zitiert den Schlussverse aus dem Sonett LIV „Dem Ende zu“

„Der Wahn allein war Herr in diesem Land.
In Leichenfeldern schließt sein stolzer Lauf,
und Elend, unermeßbar, steigt herauf.“

Martin Luther King (1929-1968) Aus der Rede »Kraft zum Lieben« 1963

  • Finsternis kann keine Finsternis vertreiben. Das gelingt nur dem Licht. Hass kann den Hass nicht austreiben. Das gelingt nur der Liebe. Hass vervielfältigt den Hass; Gewalt mehrt Gewalt, Härte vergrößert Härte in einer ständigen Spirale der Vernichtung.
  • Die Kettenreaktion des Bösen – Hass, der neuen Hass gebiert, Kriege, die neue Kriege nach sich ziehen – muss unterbrochen werden. Sonst werden wir in den Abgrund der Vernichtung stürzen.

Tschingis Aitmatow (1928-2008)

Tschingis Aitmatow bemerkte 2000 zum Thema Fortschritt und Moral:

  • Dank umfassender Erkenntnisse und der zielgerichteten Nutzung vieler objektiver Gesetze der materiellen Welt hat die Menschheit ein hohes Niveau der technischen und technologischen Entwicklung erreicht. Im Bestreben, die modernsten Errungenschaften des wissenschaftlich-technischen Fortschritts im Leben auch anzuwenden, hat die Menschheit jedoch zugleich ihre geistig-sittliche Sphäre aus dem Blickfeld verloren, genauer gesagt: Sie hat diesen Bereich, der ebenfalls existiert und sich nach bestimmten Gesetzen entwickelt, weitgehend ignoriert. Diese Gesetze sind nicht weniger objektiv als die der materiellen Welt.
  • Hierbei wurde ein fundamentales Gesetz des Universums verletzt, das da lautet: Das Niveau der geistigen und sittlichen Entwicklung der menschlichen Gemeinschaft sollte stets ein wenig höher sein als das Niveau des wissenschaftlich-technischen Fortschritts. Nur dann erwächst aus den grossartigen Leistungen der Wissenschaft und Technik auch die Verantwortung für das allgemeine Wohl der Menschen, für die Vorsorge vor Hunger, Verelendung und Krankheiten in den verschiedenen Teilen des Erdballs.“

Magda Hollander-Lafon (*1927)

Magda Hollander-Lafon hat über ihre Leidenszeit in Auschwitz ein Buch geschrieben, das in Deutschland unter dem Titel „Vier Stückchen Brot. Eine Hymne an das Leben“ erschienen ist (adeo, ISBN 978-3-942208-08-6) – vgl. auch SZ vom 24./25. Januar 2015, S. 53)

Die in Ungarn geborene, später in Frankreich lebende Kinderpsychologin Magda Hollander-Lafon wurde im Mai 1944 nach Auschwitz deportiert, wo Mutter und Schwester sofort bei der Ankunft ermordet worden sind. Sie selbst wurde von Dr. Mengele als arbeitsfähig ins Lager geschickt und überlebte. Sie resümiert:

  • „Ich habe mich mit Deutschland versöhnt. Das Gedenken und die Solidarität können die Menschheit retten. In jedem von uns wohnt das Gute und das Böse. Es ist an uns, Tag für Tag zu entscheiden: Will ich gut sein oder böse? Zu vergeben bedeutet für mich, die eigene Einstellung sich und andern gegenüber zu überdenken. Es bleibt nun ihnen überlassen, gemeinsam echte und ehrliche Verbindungen – frei von Angst – zu knüpfen, die Hoffnung auf Menschlichkeit in unserer heutigen Welt versprechen. Sie selbst sind Wegbereiter ihrer Zukunft – es liegt in ihrer Verantwortung.“

Nelson Mandela (1918-2013)

Nelson Mandela

Roman Herzog (*1934) im Januar 1999 in Davos und Bill Gates (*1955) in einem Interview 2015

Bundespräsident Roman Herzog eröffnete am 28. Januar 1999 das Weltwirtschaftsforum in Davos. Er endete mit dem Apell:

  • Generalsekretär Kofi Annan denkt für das nächste Millenium an den Dialog einer weltweiten Zivilgesellschaft. Die Vereinten Nationen sehen also die Weltgemeinschaft als weltweite Verantwortungsgemeinschaft. Gehen wir noch einen Schritt weiter und sehen die Weltgemeinschaft als Chancengemeinschaft! Lassen wir die Anarchie der nationalstaatlichen Interesssenpolitik hinter uns. Nutzen wir das Zusammenspiel globalisierter Außenpolitiken als Weltinnenpolitik. So kann aus dem internationalen System der Nationalstaaten ein globales politisches System werden. Setzen wir schon heute auf die Bürger dieser Weltgemeinschaft. So kann dem Jahrhundert der Kriege ein Jahrhundert des Friedens folgen. – Das ist – jeder weiß es – im Augenblick nur eine Chance. Aber es ist eine Chance, die wir nie mehr aus den Augen lassen sollten.“

Bill Gates beantwortete im Verlauf eines Interviews3 von Anfang 2015 die Frage „Brauchen wir eine Weltregierung?“:

  • Wir haben globale Fragen, da wäre sie bitter nötig. Nehmen Sie die UN, sie ist vor allem für die Sicherheit auf der Welt geschaffen worden. Für den Krieg sind wir bereit, da haben wir alle Vorkehrungen getroffen. Wir haben die Nato, wir haben Divisionen, Jeeps, trainierte Leute. Aber was ist mit Seuchen? Wieviele Ärzte haben wir dafür, wieviele Flugzeuge, Zelte, was für Wissenschaftler? Gäbe es so etwas wie eine Weltregierung, wären wir besser vorbereitet.“

Alexej Nawalny (*1976)

Alexej Nawalny ist seit 2010 Anti-Korruptionsaktivist in Russland. Er wurde im Zuge der Massenproteste gegen Wahlfälschungen von 2011/2012 zur Führungsfigur der Kremlgegner und holte bei den Moskauer Bürgermeisterwahlen im Sommer 2013 27%. Im Dezember 2014 stand er – wieder einmal – in Moskau vor Gericht. In seinem Schlusswort sagte er:

  • Wenn ich Sie hier alle fotografieren würde, Sie drei (Richterin und Staatsanwälte) oder noch besser, alle zusammen mit dem sogenannten Geschädigten. Da sehe ich Menschen, die vor sich auf den Tisch starren. Ich spreche mit Ihnen, und Sie starren auf den Tisch, ständig, Sie alle.
  • Den häufigsten Satz, den ich von Ermittlern, Staatsanwälten, Justizangestellten, von allen möglichen Leuten höre, Sie kennen ihn sicher: ‚Alexej Antoljewitsch, aber Sie müssen doch verstehen.’ Ich verstehe sehr gut. Nur eins verstehe ich nicht: Warum starren Sie ständig auf den Tisch? Ich habe keine Illusionen. Niemand von Ihnen wird jetzt aufspringen, den Tisch umstoßen und sagen: ‚Mir reicht es!’
  • Das menschliche Bewußtsein verdrängt Schuldgefühle. Keiner wird nach Hause kommen und Kindern und Ehemann sagen: ‚Wisst ihr, ich habe heute einen offensichtlich Unschuldigen ins Gefängnis geworfen, und ich leide darunter.’ So sind die Menschen nicht veranlagt. Sie sagen entweder: ‚Alexej Antoljewitsch, Sie müssen doch verstehen!’ oder Sie sagen: ‚Hätte er besser Putin in Ruhe gelassen.’
  • Zu viele Menschen starren auf den Tisch und versuchen zu ignorieren, was vor sich geht. Wir kämpfen darum, dass die Leute aufhören,weg zu schauen, und sich eingestehen: Alles, was in unserem wunderbaren Land passiert, ist auf Lügen aufgebaut. Ich bin nicht bereit, diese Lügen weiter zu ertragen.

Nawalny schildert sodann krasse Beispiele der Selbstbedienung großen Stils von hohen russischen Funktionären.

In diesem Verfahren wurde A. Nawalny zu dreieinhalb Jahren auf Bewährung, sein Bruder Oleg zum gleichen Strafmaß ohne Bewährung verurteilt. Immerhin kann die Presse – bisher – berichten, und erreicht Nawalny über das Internet viele Tausende von Mitstreitern – vgl. Berichte von Julian Hans, in: SZ 22. 12. 2014 und in: SZ vom 31. 12. 2014/01. 01. 2015.

EineWelt/One World

war der leitende Gedanke bei der Gründung der UNO und der Wahlspruch der XXIX. Olympiade 2008 in Peking.

Der Astronaut Alexander Gerst (*1976) war 2014 ein halbes Jahr lang an Bord der Internationalen Raumstation. Er stellte dabei fest:

  • Als Astronauten haben wir aus 400 Kilometern Höhe eine einzigartige Sicht auf unseren Planeten. Dinge, die wir jeden Tag in den Nachrichten sehen und so fast als gegeben ansehen, wirken aus unserer Perspektive ganz anders.
  • Aus dem Weltraum kann man keine Grenzen erkennen. Wir sehen bloß einen einzigartigen Planeten mit einer dünnen, zerbrechlichen Atmosphäre, der in der weiten Dunkelheit des Alls schwebt. Von hier oben ist klar, daß die Menschheit auf der Erde eins ist, und wir dasselbe Schicksal teilen.

Schon sein Vorgänger Frank Borman (*1928), der 1968 mit Apollo 8 den Mond umrundete, hatte ausgerufen:

  • Wenn du von da oben auf die Erde zurückblickst, verschwimmen alle diese Unterschiede und Nationalcharaktere, und du denkst, dass das vielleicht wirklich eine Welt ist, und warum wir, zum Teufel nochmal, nicht lernen können, wie anständige Leute zusammenzuleben.“

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