Zu den Briefen Platons

Als Leser des Siebenten und des Achten Briefs bin ich in die Rolle eines der Verwandten und Freunde des Dion versetzt. Was entnehme ich  diesen Sendschreiben? Wie wirken sie auf mich? Vor welche Aufgaben stellen sie mich?

I. Achter Brief

1.

Plato stellt den Dion, seinen besten Schüler und engen Freund, als Vorbild heraus. Im Schlusssteil des Achten Briefs lässt er ihn selbst in einer Totenrede an alle Syrakuser zu Wort kommen: Erstrangig sei die Vollkommenheit der Seele, sodann die des Leibes; an dritter und letzter Stelle kommen Geld- und Gutsbesitz, die dem Wohl von Leib und Seele unterzuordnen seien wie Sklaven. Diese Wertordnung sei auch der Maßstab für das Staats- oder Grundgesetz (Verfassung), das die Syrakuser sich selbst zu geben hätten, und zwar mittels Gewährleistung einer vernünftigen Gleichheit der Syrakuser. Die Gleichheit mache alle, die sie befolgten, wahrhaft glücklich. – Probiert es aus! Nur die eigene Erfahrung ist wie auch sonst der wahre Prüfstein!

In Eurer akuten Lage rate ich Euch zum Kompromiss, vorausgesetzt dass alle Beteiligten das ebengenannte Staatsgesetz annehmen. Denn Euer Sieg ist nicht eindeutig genug, und auch Eure Gegner (die Anhänger des jüngeren Dionysios) gehören zu Eurem Gemeinwesen, insbesondere angesichts der Verdienste, die der ältere Dionysios bei der Rettung von Syrakus vor der Barbarenherrschaft der Karthager erworben hat.

Es folgen sehr konkrete Ratschläge sowohl zur Politik als auch zur Verfassung: Sie mögen den Sohn des Dion (Hipparinos) zum König wählen, diesem aber als einem zweiten König, den liberalen Sohn des (älteren?) Dionysios an die Seite stellen, und möglichst auch noch den gegnerischen Heerführer (der jüngere Dionysios?) als dritten König in die neue Ordnung einbinden.- Sodann seien gemischte Kommissionen (zum einen aus Vertretern beider Lager und zum andern aus Einheimischen und Auswärtigen) zu ernennen zwecks Ausarbeitung der Verfassung. Zu dieser gehöre die Volksversammlung, der Staatsrat sowie 35 Gesetzeswächter zur Gewährleistung von Frieden und Ordnung, ferner seien Gerichtshöfe für die unterschiedlichen Rechtsfälle zu bilden, darunter einen für Kapitalverbrechen bestehend aus jenen 35, sowie ein Obergerichtshof bestehend aus jeweils einem (nämlich dem Bewährtesten) der jährlich abtretenden Beamten der unterschiedlichen Amtszweige.

Der Redner aus dem Jenseits führt sodann aus, was er selbst getan hätte, wenn die Erinnyen ihm nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätten. Auf die Gemeinsamkeit und Versöhnung der beiden verfeindeten Clans komme es an. Die Reformpläne seien vernünftig, und wer ihre Verwirklichung für unmöglich halte, sei ein Dummkopf. Die Gegner der Reform seien der gemeinsame Feind.

Erfleht für Euer Vorhaben den Beistand des Himmels, und klärt Freund und Feind mit Sanftmut und Güte über Euer Vorhaben auf.

„Werdet nicht müde, bis Ihr die von mir Euch jetzt erteilten Ratschläge (als aus dem Himmelreich Wachenden zugesandte Träume) vollkommen und glücklich auf Erden verwirklicht habt.“

2.

Der Achte Brief wendet sich wie der lange Siebente Brief (er ist mehr als doppelt so lang ist wie alle übrigen Briefe zusammen) in der Anrede unmittelbar an die Verwandten und Freunde des Dion; seine Botschaft allerdings richtet sich ausdrücklich an alle Syrakuser, und er bezieht darüber hinaus als Adressat expressis verbis die politischen Gegner ein. Davon abgesehen decken sich im Kern die Botschaften der beiden Briefe: die Unterordnung der Machthaber unter das Staatsgesetz, und – in der aktuellen Situation der Syrakuser – die Notwendigkeit des Kompromisses, um aus dem Teufelkreis der Bürgerkriege herauszukommen. Plato schärft uns ein: Es ist nicht so, dass immer nur mein Vorteil im Nachteil meines Gegners besteht; Politik ist kein Null-Summen-Spiel.

War Plato vielleicht mit seinem ersten Siebenten Brief selbst nicht so recht zufrieden? In ihm sind seine Ratschläge sehr eng verwoben mit seiner verschlungenen politischen Autobiographie. Sie gehen fast unter in der –letztlich wenig ermutigenden – Analyse seiner Erfahrungen im Umgang mit Machthabern wie dem jüngeren Dionysios einerseits und seinem Plädoyer für den Philosophenpolitiker mit der so hoch gelegten Sprunglatte.

So gesehen wäre der Achte Brief ein Konzentrat des Siebenten hinsichtlich dessen politischer Botschaft.

II. Siebenter Brief

1.

Dions Verwandte und Freunde bitten Platon, sie mit Rat und Tat bei der Fortführung der Reformversuche des Dion in Syrakus zu unterstützen. Gleich mit dem ersten Satz schwört Plato sie ein auf Dions (und Platons!) ethisch-politisches Glaubensbekenntnis und auf ein rückhaltloses Engagement bei der Verwirklichung. Hierzu wolle er den Werdegang des Dion von Anfang an erzählen. Wie sich zeigt, ist dieser Werdegang  eng verwoben mit Platons eigener politischer Vita.

Zunächst geht Plato darauf ein, was ihn (im Jahre 390), also knapp zehn Jahre nach dem Tod des Sokrates, zur ersten Reise nach Großgriechenland veranlasste. Als junger Mann hatte er sich in Athen politisch engagiert und für die Sache der Demokratie begeistert, aber erlebt, wie schnell die Reformer ihren eigenen Idealen untreu geworden waren. So verschrieb er sich der Philosophie und kam zum Schluss:

Nachhaltige Besserung im Staat sei nur zu erwarten, wenn entweder wahre Philosophen zur Herrschaft gelangen oder wenn die Herrscher wahre Philosophen wären. Freiheit gründe sich auf allgemeines Recht und auf vernünftige Gleichheit vor dem Gesetz. Diesem Staatsgrundgesetz (Verfassung) seien auch die Regierenden unterworfen. Darüber hinaus sei die persönliche Lebensgestaltung der Herrschenden ebenso wie der Bürger grundlegend. Denn ohne Selbstbeherrschung und Manneszucht nützt auch die beste Verfassung nichts.

Ein Geschick habe ihn, so berichtet Plato, nach Syrakus, geführt, wo der ältere Dionysios (dynamischer Retter der Hellenen vor den Sizilien erobernden, barbarischen Karthagern) im Zenit seiner Macht und seines Ansehens in der griechischen Welt stand. (Plato beteiligte sich an den Staatsgeschäften und war bemüht, dem Herrscher seine Ideen und Ideale nahe zu bringen. Spannungen blieben nicht aus. Der Tyrann ließ ihn  388 auf ein Schiff bringen, das den Philosophen in Aigina an Land setzte. Um ein Haar wäre er als  Sklave verkauft worden.  Ein Verehrer namens Annikreis bezahlte das Lösegeld.)

In Syrakus war Plato dem jungen, mit dem Herrscher verschwägerten Dion begegnet. Dieser war von Platons moralisch-politischen Lehren und von seiner Persönlichkeit hingerissen, wurde dessen bester Schüler und lebenslänglicher Verehrer und Freund. Plato verfasste für ihn folgendes Epitaph:

„Ilions edeln Matronen und Hekabe spannen des Schicksals

Göttinnen bei der Geburt Tränen und jammernden Schmerz.

Dion, auch dir entriss der Himmlischen Wille der edlen

Taten verdienten Gewinn, glänzender Hoffnungen Lohn.

Siehe nun ragt dein Grab, du meiner Seele Geliebter,

Deinen Bürgern geehrt, hier in dem heimischen Land!“

Verse VI – Berliner Ausgabe III, S. 779f.

Dion erwarb im Dienste des älteren Dionysios ein enormes Vermögen und großes Ansehen, „das ihn als Kandidat für dessen Nachfolge erscheinen ließ“ (so der Kl. Pauly).

2.

Obwohl vom Vater von der Politik ferngehalten, trat der jüngere Dionysios die Nachfolge an. Besonders Dion glaubte, der junge Herrscher sei für Platons Ideen zu gewinnen und veranlasste diesen, Platon an seinen Hof nach Syrakus einzuladen. Plato schwankte, gab aber schließlich dem Drängen Dions und anderer nach.

„Durch meine Abreise machte ich mein Gewissen frei von aller Schuld gegen die heilige Pflicht der Gastfreundschaft und stellte meine philosophische Berufspflicht sicher gegen jeden etwaigen Vorwurf, welcher sie hätte treffen können, wenn ich etwa aus allzu großer Gemächlichkeit oder aus Furchtsamkeit mich einer unehrenhaften Zurückhaltung schuldig gemacht hätte.“

Ein weiteres gewichtiges Motiv für seinen Entschluss war seine Freundschaft mit Dion, dem er bei Hofe als Vermittler beistehen zu können glaubte.

2.

Platos Empfang in Syrakus im Jahre 366 war feierlich. Doch erwies sich dieser zweite Aufenthalt in Syrakus, der erste auf Einladung des Machthabers, bald als Fiasko. Dem jungen Herrscher war hinterbracht worden, Dion trachte nach dem Thron und Platon unterstütze ihn dabei. Er verbannte Dion und beschlagnahmte dessen Vermögen. Auch Plato schwebte in Lebensgefahr, ja ein Gerücht war ausgestreut er sei wegen Hochverrates hingerichtet worden. Aber Dionysios umwarb ihn, sodass es wenig später wieder hieß, Plato stehe in der besonderen Gunst des Herrschers. Praktisch stand er unter Hausarrest.

„Aber ich ertrug alle Unannehmlichkeiten ruhig und

versuchte beharrlich alles, ob nicht auf irgendeine Weise ein Verlangen nach dem philosophischen Leben bei ihm entzündet werden könnte. Er aber besiegte durch Widerstreben meine Beharrlichkeit.“

Allerdings befand sich Syrakus im Kriegszustand und Dionysios hatte andere Sorgen. Er entließ Platon mit dem Versprechen, dieser möge nach Kriegsende nach Syrakus zurückkehren.

3.

Plato kam im Jahre 361 noch einmal auf Einladung des Dionysios nach Syrakus. Er schildert eingehend, wie er zunächst unter Hinweis auf sein Alter ablehnte, dann aber vom Herrscher selbst durch einen langen Brief wie auch von vielen Freunden bedrängt wurde. Dionysios habe sich in erfreulicher Weise entwickelt und sei begierig auf weitere philosophische Unterweisung. Selbst der verbannte Dion, der in ihm seinen starken Fürsprecher hatte, riet ihm zu. Dionysios sandte schließlich eigens eine Triere nach Athen für die Reisebequemlichkeit de Umworbenen. Dieser konnte nicht ausschließen, dass der junge Herrscher nun wirklich an wahrer Philosophie und an echten Reformen interessiert sei. So bestieg mit gemischten Gefühlen das auf ihn wartende Schiff. Wohl wissend begab er sich nochmals in die Höhle des Löwen. Doch wieder zahlte sich sein Wagemut nicht aus.

Der Siebente Brief soll den Hinterbliebenen des Dion Ratschläge zur Reformpolitik in Syrakus geben. Sie sind dieselben, die Dion und Plato dem Dionysios seinerzeit erteilt hatten. Der junge Regent war lernbegierig, zumal er durch die Schuld seines misstrauischen Vaters weder ordentlichen Jugendunterricht noch den für seine Lebensaufgabe geeigneten Umgang genossen hatte. Die philosophischen und praktischen Unterweisungen erschienen der Entourage des Herrschers – damals und auch jetzt wieder – als Intrigen: Das geforderte aufwendige Studium der Philosophie und der Mathematik bezwecke und bewirke nur, ihn von seinen Regierungsgeschäften abzuhalten und schließlich entmachten.

Plato flicht hier Dions späteren Weg in sehr geraffter Form in seinen Bericht ein: Nachdem sich Plato vergebens für Dions ehrenvolle Rückkehr eingesetzt und schließlich Syrakus wieder verlassen hatte, kam Dion

„aus dem Peloponnes und aus Athen zurück und gab dem Dionysios eine Lektion mit dem Schwert. Und nachdem er die Stadt zweimal befreit und den Syrakusern zurückgegeben hatte, so waren sie derselben Schwachheit gegen Dion wie damals ausgesetzt ….“

Die Schwachheit bestand darin, dass Demokraten in Dion den neuen Tyrannen erblickten und ermordeten, und zwar unter Mitwirkung von zwei Athenern, die im Exil Dions Freunde geworden und mit ihm nach Syrakus gekommen waren .

4.

Plato stellt nun Dion und Dionysios einander gegenüber: Dions Leiden und Tod sei vernünftig und schön, denn er habe für sich und für den Staat nach den wahren Gütern gestrebt. Dionysios, welcher dem ethisch-politischen Glaubensbekenntnis des Dion nicht gefolgt sei, führe hingegen ein schimpfliches Leben. Aber auch wegen des Gerichts im Jenseits müsse man das Dulden großer Vergehen und Ungerechtigkeiten für das geringere Übel halten als das Verüben derselben.

Dionysios habe – wie die Mörder des Dion – der Menschheit größten Schaden zugefügt dadurch, dass er, obwohl im Besitz der größten Gewalt, keinen Willen gehabt habe, die Idee der Gerechtigkeit im Gebiet seiner Herrschaft zu verwirklichen. Plato malt die wohltätigen Folgen aus, die zu erwarten gewesen wären, wenn entweder Dion zum Zuge gekommen oder Dionysios sich zur neuen Staatsphilosophie hätte bekehren lassen.

„Aber nach solchen politischen Reformen durch einen mit allen vier Kardinaltugenden – Gerechtigkeit, ausdauerndem Mannesmut, besonnener Mäßigung und Weisheit – ausgerüsteten Manne hätte dann bei dem Syrakus’schen Volke sich derselbe Glaube an das Heil der Tugend verbreitet, wie er sich wohl bei der ganzen Menschheit verbreitet und auf die Dauer erhalten hätte …“

Nunmehr komme es auf den Segen des Himmels für den dritten Versuch an. Und Plato verweist wieder auf das Vorbild des Dion, seine Vaterlandsliebe, seine zu immer größere Selbstveredelung führende Lebensart sowie sein ethisch-politisches Glaubensbekenntnis mit dem Postulat der vernünftigen Gleichheit vor dem Gesetz. Auch an dieser Stelle beschwört er die Kraft zum Kompromiss, ohne welche die Revolutionsübel kein Ende nehmen würden.

5.

Plato war bei seiner zweiten offiziösen Ankunft in Syrakus gespannt, ob sich das Lob über das glühende Interesse des Dionysios an Philosophie und Reformen bestätigen würde. Hat ihn die Flamme ergriffen oder ist sein Interesse nur oberflächlich und eitel? In seinem ersten philosophischen Vortrag konfrontiert Plato seinen Gastgeber mit dieser strengen Alternative. Demgegenüber ist der hochgestellte Hörer des Vortrags stolz auf sein bereits vorhandenes philosophisches Wissen und begierig, es seinerseits vor Platon auszubreiten, der indessen für solche Eitelkeiten absolut keinen Sinn hat. Die Kommunikation zwischen beiden missglückt. In seiner Reflexion schraubt Plato sodann die an den wahren Philosophen zu stellenden Anforderungen in ungeahnte, ich möchte sagen, utopische Höhen.

In den Bericht über diesen seinen ersten (und letzten!) philosophischen Vortrag vor Dionysios flicht Plato ein späteres Hörensagen ein. Nach selbigem habe Dionysios „über die damals von mir gehörten Gedanken geschrieben …, als wäre es sein eigenes System …“. Plato bringt nicht nur seine Missbilligung solcher Plagiate zum Ausdruck, vielmehr steigert er sich hinein in einen Abscheu vor der Schriftform bei höchsten philosophischen Einsichten überhaupt:

„Über alle Schriftsteller hierüber (Platons eigentliche Lehre), sowohl über die jetzigen wie über die künftigen, welche versichern, über die Hauptmaterien meines Studiums etwas zu wissen, sei es aus meinem eigenen Munde oder aus dem anderer oder durch eigene Auffindung, habe ich hier den Satz auszusprechen: Jene Schreiber verstehen, nach meinem philosophischen Glaubensbekenntnisse wenigstens, von der Philosophie gar nichts.“

Er habe über jene Materie nichts geschrieben und werde auch nichts Schriftliches darüber hinterlassen. Nur in vertrauter „häufiger Unterredung gerade über diesen Gegenstand entspringt plötzlich jene Idee in der Seele wie aus einem Feuerfunken das Licht und bricht sich selbst weiter seine Bahn.“ Was hätte es für ihn selbst Schöneres geben können, als der Menschheit der Verkünder eines großen Heils zu werden. Aber er halte die Profanierung und Popularisierung seiner Lehre nicht für ein Glück für die Menschen. Denn dadurch würde dem Leser entweder eine dumme Verachtung für die Philosophie oder eine Überspanntheit und Aufgeblasenheit eingeflößt infolge des Wahns, jetzt alle Weisheit mit Löffeln genossen zu haben. Danach leitet er wie folgt zu den berühmten fünf Momente (Stufen) des geistigen Erkennens über:

„Es gibt eine unumstößlich wahre Gegenansicht zu der verwegenen Profanation jeder Wahrheit durch die Schrift, eine Ansicht, welche schon mehr als einmal von mir ausgesprochen worden ist, welche aber zufolge des erwähnten Grundes auch jetzt hier erörtert werden muss.“

6.

Plato erläutert die fünf Momente (oder Stufen?) des geistigen Erkennens am Beispiel des Kreises. (1) Das – austauschbare – Wort oder Zeichen für Kreis; (2) den Begriff(=Definition) des Kreises; (3) das Bild von stofflichen kreisförmigen Dingen; (4) die volle geistige Erkenntnis(=geistige Anschauung) [1] des Kreises; (5) das Objekt (die Idee) des Kreises, „was sich eben erst durch die Tiefe der Vernunft erkennen lässt und das wahre Urbild der Dinge ist“. Und: „Unter diesen Erkenntnismomenten ist das des inneren (geistigen) Vernunftvermögens dem Fünften (dem U r –Kreis an sich) an Verwandtschaft und Gleichheit am nächsten, die anderen aber stehen weit zurück.“

Was für den Kreis gesagt ist, gilt für alle Erkenntnisgegenstande, nicht nur der Geometrie sondern auch für das Schöne und Gerechte, für alles Körperliche, für die Natur- und Kunstprodukte, für die Geschöpfe aller Art ebenso wie für jede individuelle Seele.

Das Argument Platos ist nun: Sprache und Schrift sind zu unbeholfen, um das durch die Vernunft wahrnehmbare Wesen eines jeden Objekts zu zeigen. Auch hierfür nimmt er den Kreis zum Beispiel:

„Jeder (sinnliche oder körperliche) Kreis, welcher unter Menschenhänden gezeichnet oder gedrechselt wird, hat sehr vieles vom Gegenteil dessen, welches wir als das fünfte der Erkenntnismomente aufzählten; denn der sinnliche Kreis kommt überall (durch die Verkörperung) in das Gebiet des Geraden; dagegen der ideelle Ur-Kreis hat, denke ich, schlechterdings nichts von der gegenteiligen Natur an sich. Ferner auch der Name jener einzelnen in die Sinne fallenden Dinge hat bei keinem etwas Wirkliches an sich, und es hindert gar nichts, die jetzt krumm genannten Dinge gerade zu nennen und die geraden krumm, und sie bleiben uns nach dieser Umänderung und entgegen gesetzten Benennung noch ebenso wirklich.“

Plato sieht die eigentliche Schwierigkeit („Das Ärgste hierbei ist …“) darin: die Seele strebt zwar nach dem wesenhaften Sein, aber stets schiebt sich die sinnliche Beschaffenheit dazwischen. Die reine Schau des „ursprünglich vollkommen Wesenhaften (der Idee) ist nur wenigen und auch diesen nicht in vollem Umfang zugänglich. Auch kann sich niemand diese Fähigkeit aneignen, der „nicht von Geburt dem ewigen Objekte der Philosophie verwandt ist.“ Er schließt diesen Abschnitt so:

„Wenn einer von jemandem schriftliche Veröffentlichungen …. in seine Hand bekommt, so muss er denken, dass dies die hoch heiligsten Gedanken bei dem noch nicht sind, …. . Sollten aber von jenem diese seine hochheiligsten Gedanken in Schriften profaniert worden sein, – nun, so mache dann den Schluss, dass nicht Götter, sondern sterbliche Menschen allein ihn aller Besinnung beraubten.

7.

Dionysios lud Plato nicht mehr zu philosophischen Vorträgen ein. Plato rang mit ihm um das Vermögen des Dion und dessen ehrenvolle Rückkehr – vergeblich. Wie beim vorigen Aufenthalt suchte Dionysios gleichwohl, den prominenten Gast festzuhalten, warb um seine Freundschaft und suchte wenigstens den Anschein guten Einvernehmens zu wahren. Plato fühlte sich wie der Vogel gefangen  und spähte aus nach einer Lücke im Käfig. Wieder sah er sein Leben bedroht, diesmal vom Hass der Leichtbewaffneten (der Greiftruppe des Tyrannen) gegen ihn. In seiner Not schrieb er an den Freund Archytas, den pythagoreischen Philosophen und Herrscher von Tarent. Dieser schickte ein Schiff mit 30 Ruderern und eine Delegation unter Lamiskos nach Syrakus, der es gelang, Dionysios umzustimmen und die Heimreisegenehmigung im Frühsommer 360 zu erwirken.

Plato traf – wohl auf der Heimreise – Dion in Olympia. Dieser war empört und sann darauf, wie er Dionyios wegen des Treubruchs am heiligen Rechte der Gastfreundschaft, aber auch wegen des ihm selbst zugefügten Unrechts, bestrafen könne. Plato bestärkte ihn darin nicht. Trotz seines Unmutes über die erlittene Behandlung riet er zur Versöhnung, konnte aber Dion und seine Freunde nicht umstimmen.

Am Schluss des Briefs geht Plato nochmals auf das Schicksal seines Freundes ein, dessen Verwandte und Freunde dieses Sendschreiben von ihm erbeten hatten.

III. Fragen an Platon nach über zwei Jahrtausenden

1. Gilt das Verdikt über die Schriftform für höchste philosophische Inspirationen auch für die fünf Momente des Erkennens nicht (nach dem Motto: quo licet Iovi, non licet bovi!) oder handelt es sich hierbei nicht um diese „unbeschreibliche“ Art von Erkenntnissen?

Oder sind auch diese seine schriftlichen Äußerungen nur Winke, die der eigenen Einsicht des Lesers auf die Sprünge helfen mögen?

2. Laufen die Anforderungen an den wahren Philosophen nicht auf die Ausschließlichkeit hinaus, mit welcher das Genie seiner inneren Stimme folgt (unter Hintansetzung aller anderen Verpflichtungen und Rücksichtnahmen)? Sind philosophische und politische Leidenschaft kompatibel? Waren die Warnungen und Einflüsterungen der Entourage des Tyrannen vielleicht nur allzu verständlich?

Oder sind berechtigtes und bewährtes Vertrauen sowie Mäßigung tatsächlich zugleich Herrscher- und Philosophentugenden, ohne die aller Reformeifer vergeblich ist?

3. Ist das platonische Anforderungsprofil an den wahren Philosophen nicht allzu elitär? Geht es nicht darum, auch das einfache, ungebildete Volk mit auf die Reise zu nehmen?

4. Hat Dein philosophischer Vortrag den Dionysios dort abgeholt, wo dieser sich in seinem inneren Werdegang befand? War nicht das Dreieck „Plato/Dion/Dionysios“ psychologisch und pädagogisch von vorne herein zu konfliktträchtig? War der Versuch realistisch, sowohl die Busenfreundschaft mit Dion aufrecht zu erhalten und zu pflegen als auch mit Dionysios in das enge Vertrauensverhältnis zu kommen, das wahres Philosophieren erst ermöglicht?

5. Dein Staat ist der Stadtstaat. Gleichwohl erscheint es mehr als optimistisch, wenn du dir von der Umsetzung deines ethisch-politischen Glaubensbekenntnisses in die Tat nicht nur eine Besserung der Verhältnisse, sondern die dauerhafte Erlösung der Bürgerschaft, und darüber hinaus sogar der Menschheit versprichst. Ist das noch Philosophie oder rhetorisch überhöhte Prophetie?

6. Und wie steht es mit der vernünftigen Gleichheit auf der einen und der Torheit und Schwererziehbarkeit der breiten Bevölkerungsschichten auf der anderen Seite? Trägt dein System nicht einseitig elitär-patriarchalische Züge?

IV. Summa summarum

1.

Die politische Botschaft ist ganz klar:

  • Rechtsstaat (Rule of Law, das Recht ist der Souverän),
  • vernünftige Gleichheit aller Staatsbürger,
  • Selbstdisziplin und Mäßigung der Regierenden
  • Kraft zum Kompromiss (Ausstieg aus dem Freund-Feind-Denken als Null-Summen-Spiel unter Gewaltanwendung, insbesondere Tötung oder Versklavung der Besiegten)

Plato selbst, – aber auch Dionysios! -, praktizierten die Kraft zum Kompromiss, indem sie auf das Instrument des Umbringens der Gegner (Feinde) verzichteten: Plato, als er Dion vom bewaffneten Kampf gegen Dionysios abriet, und Dionysios, als er Platons Leben schützt, obwohl dieser unter dem Verdacht des Hochverrats stand.

2.

Faszinierender, aber auch irritierender Weise ist Platons ethisch- politisches Glaubensbekenntnis noch immer aktuell. Zwar hat der Rechts- und Verfassungsstaat Verbreitung gefunden. Weltweit ist er keine Selbstverständlichkeit. Und selbst wo man ihn fest verankert glaubte, erleidet er fatale Einschränkungen. Wie würde Plato auf unsere heutigen Errungenschaften und Versäumnisse reagieren. Müsste er – wie zu Lebzeiten – das Scheitern seiner Reformvorschläge konstatieren oder könnte er nicht doch auch – wenn auch unvollkommene, aber doch höchst bemerkenswerte, ermutigende – Fortschritte verzeichnen?

3.

Indem Plato von seinen Hoffnungen und Enttäuschungen berichtet, erforscht er auch sich selbst: Inwieweit habe ich das mir widerfahrene Ungemach mir selber zuzuschreiben? Diese in seiner Autobiographie – neben seiner Selbstsicherheit und Leidenschaft – zum Ausdruck kommende intellektuelle Redlichkeit hat es mir vor allem angetan.


[1] „Das Vierte ist das wissenschaftliche Erkennen, das Vernehmen durch den vernünftig denkenden Geist, die objektive wahre Vorstellung von solchen Dingen, und diese ganze Tätigkeit muss man als eine zählen, da sie nicht in äußerlichen sprachlichen Lauten, nicht in den der körperlichen Wahrnehmung zugänglichen Gestalten, sondern innerhalb der Seele ist, und durch diese Innerlichkeit unterscheidet sich diese (objektive wissenschaftliche Erkenntnis erstlich von dem (idealen, aber dabei reellsten) U r–Kreis an sich und zweitens auch von den drei vorhin genannten (niederen) Erkenntnismomenten.“

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