Leibnitz 1646-1716

Leibniz 1646-1716
geb. am21.06. in Leipzig, gest. 14.11. in Hannover

Vater der deutschen Aufklärung: Rationalist/Universalist/Optimist (Ireniker)
➢ Rationalist: Glaube an die Vernünftigkeit des Ganzen und dessen zwar nicht vollkommene, aber doch weit reichende Einsehbarkeit, und zwar Aufhellbarkeit bis hin zur Stringenz eines mathematischen Formalismus –
➢ Leibniz’sche Reihe zur Bestimmung von π:
➢ π/4 = 1 – 1/3 + 1/5 – 1/7 + ….
➢ Universalist und Enzyklopädist: einerseits wissenschaftliches Interesse (Neugier) an allem und jedem; andererseits aber auch daran, wie all dies im Innersten zusammenhängt und was all dies „im Innersten zusammen hält“ : Größtes setzt sich aus Kleinstem zusammen, die entferntesten Partikel wirken auf einander ein; alles ist ständig in Bewegung und Veränderung begriffen.
➢ Optimist, Wort, das im 18. Jahrh. auf ihn gemünzt entstanden ist: Aus der unendlichen Vielfalt der möglichen Welten kann der (transzendente) Schöpfer sozusagen per definitionem nur die beste – oder was dasselbe ist, die am wenigsten schlechte – ins Leben gerufen haben. Auch das Böse steht im Dienst des Guten, wenn auch in für uns nicht durchschaubarer Art und Weise, auch Monströses ist Ausdruck einer Gesetzmäßigkeit, die die uns vertraute und natürlich erscheinende Gesetzmäßigkeit durchkreuzt. Unter dem Strich überwiegt schließlich das Gute.
➢ Selbstdenker wie Descartes/Autodidakt

L. ist nicht nur ein großer Zusammen-Denker sondern auch ein großer, auf Aussöhnung erpichter Ireniker: Vernunft und Religion/Lutheraner und Reformierte/Katholiken und Protestanten.

Schlüsselerlebnisse:
➢ Kopernikus: point de vue/ Gesichtspunkt/ Standpunkt/ nicht das Auge des Leibes sondern das Auge des Verstandes
Goldene Regel „Der wahre Sinn der gR ist der, dass der Ort des anderen der richtige Gesichtspunkt ist, um recht unparteiisch zu urteilen, immer wenn man diesen einnimmt.“
Lessing-Zitat:
„L. that damit nichts mehr und nichts weniger als alle alten Philosophen in ihrem exoterischen Vortrag zu thun pflegten. Er beobachtete eine Klugheit, für die freylich unsere neusten Philosophen viel zu weise geworden sind. Er setzte willig sein System bey Seite; und suchte einen jeden auf demjenigen Wege zur Wahrheit zu führen, auf welchem er ihn fand.“ (mäeutische Funktion der Exoterik).

> Raupe (Wurm) entpuppt sich als Schmetterling! Obwohl alles ständig in Bewegung und Veränderung begriffen ist, bleibt die Identität eines Individuums erhalten.

> Blick durchs Mikroskop: Jedes Ding (Partikel/Individuum) besteht seinerseits aus einer Vielzahl von Dingen (Partikeln), ist ein Aggregat.
L.-Zitate:
„Die Gesamtmasse eines Körpers ist ein Aggregat anderer Massen, und dieses noch anderer und so fort bis ins Unendliche“ – poetischer ausgedrückt: „Jeder Partikel der Materie kann vorgestellt werden als Garten voller Pflanzen und Teich voller Fische. Doch jeder Zweig der Pflanze, jedes Glied des Tieres, jeder Tropfen der Feuchtigkeit ist wiederum ein solcher Garten – ad infinitum.“

MONADOLOGIE

(1) Für Descartes sind die Welt des Geistes und die Welt der Körper streng getrennt. Obwohl L. sich schon in ganz jungen Jahren von der Scholastik ab und Descartes zuwendet, führt ihn seine intensive Beschäftigung mit der Dynamik schon früh zu folgender Einsicht (Brief von 1714 an Remond):
„Doch als ich die letzten Gründe der Bewegung der Körper suchte, war ich ganz überrascht, zu entdecken, dass man zur Metaphysik zurückkehren müsse. Das führte mich zu den Entelechien und vom Materiellen zum Formgebenden zurück und ließ mich nach mehreren Verbesserungen und Vervollkommnungen meiner Begriffe endlich erkennen, dass die Monaden oder einfachen Substanzen die einzig wahren Substanzen und dass die materiellen Dinge nur Phänomene sind, aber wohl begründete und verknüpfte Phänomene.“

(2) Die materielle Welt der Körper ist eine Welt in Raum und Zeit. Ihre Dinge sind teilbar, und zwar fortlaufend bis ins Unendliche. Doch auf diese Weise gelange ich nicht zu einer – fundamentalen, will sagen: sub-stanziellen – Einheit. L. setzt in seiner Vorstellung von der Monade das Individuelle (= das Einzigartige) in Eins mit dessen Substanz: individuelle Substanz(1685) ==> Monade (1695- Einheit/ das, was Eins ist/ in sich abgeschlossen – principium identitatis indiscernibilium.
L.-Zitat:
„So sind die physischen Punkte nur scheinbar unteilbar: die mathematischen Punkte sind exakt, aber nur modal: nur die durch Formen oder Seelen konstruierten metaphysischen Punkte sind exakt und real, und ohne sie gäbe es nichts Reales, weil es ohne die wahren Einheiten keine Vielheit geben würde.“

(3) „Jede Monade umfasst stets alle Akzidenzien, die ihr zukommen und das gesamte Universum ausdrücken.“ – (also Abkehr von der aristotelischen Unterscheidung von Substanz und Akzidenzien). Somit ist alles Bewegliche, Veränderliche an einem Ding, sind sämtliche – fälschlicherweise als mehr oder weniger zufällig angenommenen – Zustände eines Individuums in Raum und Zeit wesenhafte Modifikationen, die im metaphysischen Punkt schon vorprogrammiert sind. Daher braucht/hat die Monade als solche keine Fenster, obwohl in der Körperwelt alles mit allem zusammenhängt! In der physischen Welt ist alles kausal, in der metaphysischen Welt (der Monaden) ist alles final determiniert.

(4) Monaden sind als solche unteilbare Ureinheiten, also einfache Substanzen, was aber nicht ausschließt, dass eine Monade ihrerseits die Integration einer Vielzahl von Monaden ist. Der springende Punkt ist das Kraft- und Informationszentrum, welches die Einheit des Aggregates ausmacht: seine Form, d. i. sein Focus/seine Unverwechselbarkeit/ Einmaligkeit/Ich/Seele. In diesem Sinn hat jedes in sich geschlossene Aggregat eine, nämlich seine Seele. (Allerdings findet L. nichts dabei, wenn wir den Gebrauch dieses Wortes den Lebewesen vorbehalten.)

(5) Auch der kleinste Partikel ist eingebettet in das Ganze des Universums, also gewissermaßen dessen Spiegel. Jede M. ist aber zugleich auch
ein vollkommen geschlossenes System;
ein vollkommenes System und
selbstgenügsames/autarkes System. Insofern bedarf die M. keiner Fenster. Die finale geistige) und die kausale(materielle) Welt sind perfekt auf einander abgestimmt: sie harmonieren und diese Harmonie ist ihnen (vom Schöpfer aller Dinge) vorgegeben.

(6) Jede M. wurzelt im metaphysischen Urgrund und ist so gesehen allen anderen gleichwertig. Die M. unterscheiden sich aber hinsichtlich ihrer Komplexität und hinsichtlich ihres Grades an Bewusstsein/Durchblick, wobei die Vollkommenheit und damit auch der vollkommene Durchblick einer M., nämlich der M. der Monaden (also der M., die sämtliche anderen Monaden in sich enthält = Gott), vorbehalten ist.

(7) Zur Verdeutlichung, wie sich das Einfache und das Zusammengesetzte zueinander verhalten, benutzt L. ein Bild:
1706 schreibt er an die Kurfürstin Sophie:
„Ebenso wie eine Unendlichkeit von Strahlen, die in einem Punkt zusammenlaufen, in diesem wechselseitig einen Winkel miteinander bilden, ist dieses Zentrum zugleich das Sinnbild des Einfachen und die Bedingung der Möglichkeit für jeden endlichen und folglich teilbaren Winkel.“

(8) Die M. ist unteilbar, d.h. zugleich unsterblich: sie existiert „von Ewigkeit zu Ewigkeit“. Der Tod von Lebewesen ist eine Metamorphose, der große Schlaf. Der Körper löst sich in seine Bestandteile auf, die ihrerseits sich auflösen mögen, aber doch auch in Gestalt ihrer Teile fortbestehen.
Was aber widerfährt der menschlichen Seele im und nach dem Tod? Für L. ist die M. zwar ein geistiges metaphysisches Kraftzentrum; doch hat jede M. stets auch ein körperliches Substrat.
L.-Zitat.
„Ich nehme mit den meisten Alten an, dass alle Geister, alle Seelen, alle einfachen geschaffenen Substanzen stets mit einem Körper verbunden sind und dass es niemals Seelen gibt, die davon gänzlich abgetrennt sind. … Da der Unterschied zwischen einem ihrer Zustände und einem anderen immer nur derjenige zwischen dem mehr und dem weniger Merklichen, dem mehr und dem weniger Vollkommenen …..ist oder war, so macht das ihren vergangenen oder künftigen Zustand ebenso erklärbar wie den gegenwärtigen. …es ist nicht schwieriger, die Erhaltung der Seelen (oder meiner Meinung nach lieber: des Lebewesens) zu begreifen als die Verwandlung der Raupe in einen Schmetterling oder die Erhaltung des Denkens im Schlaf, mit dem Jesus Christus den Tod in göttlicher Weise verglichen hat (Mt.9, 24; Mk. 5,39; Lk. 8,53; Joh. 11,11).“

THEODIZEE

➢ In der Summe überwiegt das Gute
➢ Wenn es das Böse nicht gäbe, gäbe es auch das Gute nicht. Es gäbe die menschliche Freiheit nicht und damit auch nicht die Würde. So hat auch das Schlechte sein Gutes.
➢ Der Mensch – nicht Gott! – ist gut oder böse oder beides. Der L.’sche Gott ist der außerhalb von Raum und Zeit vorhandene zeitlose und zugleich allgegenwärtige Urgrund der Welt, ihre permanente Schöpfung, aber nicht ihr willkürlicher Herrscher.
➢ Auch das Monströse, Abartige folgt einem Gesetz, das für sich genommen und aufs Ganze gesehen ein sinnvolles Gesetz ist, obwohl es sich in diesem speziellen Fall verheerend und zerstörerisch auswirkt.

WEITERE ZITATTE

➢ „Die Materialisten, oder diejenigen, welche sich einzig und allein der mechanischen Philosophie hingeben, tun unrecht daran, alle metaphysischen Erwägungen zurückzuweisen und alles bloß aus sinnlichen Prinzipien erklären zu wollen. Ich schmeichle mir, in die Harmonie der verschiedenen Reiche eingedrungen zu sein und erkannt zu haben, dass beide Parteien Recht haben, vorausgesetzt, dass sie gegenseitig ihre Kreise nicht stören, dass also alles in den Naturerscheinungen gleichzeitig auf mechanische und auf metaphysische Weise geschieht, dass aber die Quelle der Mechanik in der Metaphysik liegt.“

➢ Philalethes = Freund der Wahrheit = Anhänger von John Locke ⇔ Theophilus = Gottesfreund = Anhänger von G.W.Leibnizen’s Système nouveau

Theophilus:
„Seitdem glaube ich, eine neue Seite vom Inneren der Dinge wahrzunehmen. Dieses System scheint Platon mit Demokrit, Aristoteles mit Descartes, die Scholastiker mit den Neuen, die Theologie und die Moral mit der Vernunft zu verbinden. Es scheint, dass es sich von allen Seiten das Beste zueigen macht und dass es dann ungeachtet weiter geht, als man bis jetzt gegangen ist. Ich finde darin eine verständliche Erklärung von der Verbindung der Seele mit dem Körper, an welcher Sache ich früher verzweifelt bin. Ich finde die wahren Prinzipien der Dinge in den substantiellen Einheiten, die dieses System einführt, und in ihrer durch die Ursubstanz prästabilierten Harmonie. Ich finde darin eine überraschende Einfachheit und Gleichförmigkeit, so dass man sagen kann, dass es überall und immer – bis auf die Grade der Vollkommenheit – dasselbe ist. Ich sehe jetzt, was Platon meint, wenn er die Materie für ein unvollkommenes und vergängliches Wesen hielt; was Aristoteles mit seiner Entelechie sagen wollte; was die Zusage eines anderen Lebens, die nach Plinius selbst Demokrit machte, bedeutet; inwieweit die Skeptiker recht hatten, wenn sie gegen die Sinne wetterten; wie die Tiere gemäß Descartes Automaten sind und wie sie dennoch nach der Meinung des Menschengeschlechts Seelen und Empfindungen haben; wie man diejenigen auslegen muss, die in alle Dinge Leben und Perzeption gelegt haben – wie Cardano, Campanella und, besser als diese, die verstorbene Gräfin von Connaway, eine Platonikerin, und unser verstorbener Freund …van Helmont….wie die Gesetze der Natur… ihren Ursprung in Prinzipien haben, welche die Materie übertreffen, und dass dennoch in der Materie alles mechanisch zustande kommt, worin die spiritualisierenden Verfasser, die ich gerade genannte habe, gefehlt haben, wenn sie glaubten, dass immaterielle Substanzen wenn nicht die Kraft, so wenigsten die Richtung und Determination der Bewegungen der Körper verändert. Stattdessen halten nach dem neuen System die Seele und der Körper vollkommen ihre Gesetze ein, jedes die seinigen, während dennoch das eine dem anderen gehorcht, soweit es nötig ist.“

➢ „Die Präsenz der Monade im Raum ist zu vergleichen mit der den Dingen innerlichen Präsenz Gottes in der geschaffenen Welt.“ Kant!

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